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Selbstreflexion als Grundlage nachhaltiger Kompetenzentwicklung

Erfahrungen aus dem Projekt fuTUre skills

von Karen Rätz

Im Rahmen des Projekts fuTUre skills haben wir am Fachbereich Biologie an der TU Darmstadt in den vergangenen Jahren in einem partizipativen Prozess nach dem Prinzip ‚Studens as Partners‘ (Matthews 2016) ein Konzept entwickelt, das Studierende systematisch bei der Entwicklung sowohl fachlicher als auch überfachlicher Kompetenzen unterstützt. Ausgangspunkt waren die Beobachtung und Äußerungen Studierender, dass es zwar zahlreiche Lerngelegenheiten im Studium gibt, sie jedoch häufig Schwierigkeiten haben, den roten Faden ihrer eigenen Entwicklung zu erkennen. Insbesondere im Übergang von der Schule zur Hochschule fehlt vielen die Orientierung, wie sie Lernanforderungen, fachliche Erwartungen und persönliche Herausforderungen miteinander in Einklang bringen und zielgerichtet gestalten können (Bosse et al. 2019; Bosse und Trautwein 2014).

Unser Ansatz setzt deshalb nicht allein auf die Vermittlung von Fähigkeiten, sondern auf die Befähigung zur Selbstreflexion als Grundlage wissenschaftlicher Professionalität. Das Projekt verbindet Elemente der Portfolioarbeit, Peer-Begleitung und strukturierter Reflexionsimpulse zu einem curricular verankerten Format, das Studierenden ermöglicht, ihr Lernen, ihr Denken und ihre Rolle im akademischen Kontext bewusst zu verstehen und weiterzuentwickeln.

Ein erweitertes Verständnis von Kompetenzentwicklung

Kompetenzentwicklung wird im Hochschulkontext häufig mit fachlichen Fertigkeiten, Methodenwissen und Problemlösefähigkeit gleichgesetzt (Brutzer et al. 2021; Ehlers 2020; Holti 2024). Unser Projekt fußt auf einem breiteren Verständnis: Wir sehen Kompetenz als ein Zusammenspiel aus Wissen, Können, Haltung und Selbststeuerungsfähigkeit. Fachliche Kompetenzen entstehen nicht isoliert, sondern sind eng mit überfachlichen Dimensionen verknüpft, etwa mit der Fähigkeit, Entscheidungen zu begründen, mit Unsicherheit umzugehen, Verantwortung zu übernehmen und das eigene Handeln kritisch zu reflektieren.

Genau hier setzt Selbstreflexion an. Sie ist nicht bloß eine begleitende Methode, sondern ein strukturierender Prozess, der Studierenden hilft, Lerngelegenheiten einzuordnen und persönliche Entwicklungswege aktiv zu gestalten. Rückmeldungen aus der Lehre zeigen, dass viele Studierende erst durch diese Reflexion erkennen, wie ihre individuellen Muster (z.B: Perfektionismus, Unsicherheit, Impulsivität, hohe Erwartungshaltungen) ihr wissenschaftliches Arbeiten beeinflussen. Diese Einsichten bilden die Grundlage für gezielte Kompetenzentwicklung und so auch für fachlichen Erfolg.

Das Modul fuTUre skills: Aufbau und didaktisches Design

Um diese reflexive Kompetenz gezielt zu fördern, haben wir in einem Team aus Lehrenden und Studierenden ein dreiteiliges Modul entwickelt:

1. Workshop zu Beginn des Semesters

Ein zweitägiger Workshop dient als Einstieg und schafft einen geschützten Rahmen, in dem Studierende sich mit eigenen Lernbiografien, Werten, Erwartungen und Umgangsweisen mit Herausforderungen auseinandersetzen. Ziel ist nicht Selbstoffenbarung, sondern die Klärung persönlicher Voraussetzungen, die den Studienverlauf mitprägen.

2. Moodle-Kurs mit wöchentlichen Reflexionsimpulsen

Digitale Aufgaben unterstützen die kontinuierliche Selbstreflexion im Studienalltag. Die Impulse verbinden akademische Anforderungen mit persönlichen Entwicklungsprozessen: Umgang mit Belastung, Priorisierung, Teamarbeit, Kommunikation, Verantwortung im wissenschaftlichen Arbeiten und eigene Kompetenzprofile.

3. Peer-Gruppen als dialogischer Reflexionsraum

Moderiert von studentischen Co-Trainerinnen treffen sich Studierende regelmäßig in kleinen Gruppen, in denen Erfahrungen ausgetauscht, Herausforderungen besprochen und Reflexionsaufgaben vertieft werden. Dieser Peer-Ansatz schafft eine Ebene, auf der authentische Resonanz möglich wird – ein Faktor, der sich als zentral für die Wirksamkeit des Moduls erwiesen hat.

Portfolioarbeit als verbindendes Element

Alle Komponenten fließen in ein persönliches Entwicklungsportfolio ein, das Studierende über Wochen hinweg führen. Das Portfolio macht individuelle Kompetenzentwicklung sichtbar, nachvollziehbar und übertragbar – nicht nur für das Studium, sondern auch für spätere wissenschaftliche oder berufliche Kontexte.

Erfahrungen und Wirkungen in der Praxis

Die Erfahrungen aus mehreren Semestern zeigen deutlich, dass Selbstreflexion für Studierende einen Unterschied macht. Viele berichten, dass sie durch das Modul erstmals verstehen, wie verschiedene Anforderungen ihres Studiums zusammenhängen und welche Rolle ihre eigenen Denk- und Handlungsmuster dabei spielen. Häufig entsteht dadurch ein klareres akademisches Selbstverständnis und ein gestärktes Gefühl von Selbstwirksamkeit.

Reflexionsarbeit geht somit nicht zu Lasten fachlicher Inhalte geht, sondern stärkt. Studierende, ihren eigenen Zugang zum Wissenschaftsprozess besser zu verstehen. Sie arbeiten strukturierter, kommunizieren klarer und übernehmen mehr Verantwortung im Labor, im Team und in Projekten. Diese Beobachtungen decken sich mit Befunden aus der Kompetenzforschung: Haltung und Selbststeuerung sind entscheidende Grundlagen fachlicher Exzellenz.

Auch der Peer-Ansatz hat sich als bedeutsamer Faktor erwiesen. Studierende reagieren positiv auf den niedrigschwelligen Austausch, der eine andere Form der Offenheit ermöglicht als klassische Lehrsituationen. Peer-Groups tragen maßgeblich dazu bei, Reflexionsprozesse zu stabilisieren und zu vertiefen.

Ein wichtiger Faktor für die Erfolg des Projektes ist die Beteiligung Studierenden als Teil das Lehrteams nach dem Prinzip „students-as partners“. Die einzelnen Elemente des Projektes konnten so besser auf die Zielgruppe abgestimmt und durch studentisches Feedback immer wieder angepasst werden.

Vom Pilotprojekt zum curricularen Baustein

Aufgrund der positiven Rückmeldungen wurde fuTUre skills von einem experimentellen Lehrprojekt zu einem strukturell verankerten Bestandteil des Studiengangs weiterentwickelt. Das Konzept fließt inzwischen als Modul in mehrere Studiengängen ein, sowohl im Bachelor als auch im Master und bildet einen Ausgangspunkt für ein übergreifendes Kompetenzmodell im Fachbereich.

Mit der curriculare Verankerung wird deutlich, dass Selbstreflexion nicht als Zusatz betrachtet wird, sondern als integraler Bestandteil eines modernen Hochschulstudiums. Sie ermöglicht Studierenden, ihren eigenen Entwicklungsweg über Semester hinweg zu verfolgen und kann so das Studium von einer Aneinanderreihung von Veranstaltungen zu einem kohärenten Lernprozess verwandeln.

    Fazit

    fuTUre skills zeigt, dass Selbstreflexion ein entscheidender Bestandteil wissenschaftlicher Bildungsprozesse ist. Sie ermöglicht Studierenden, den vielzitierten roten Faden in ihrer fachlichen und persönlichen Entwicklung zu finden und aktiv zu gestalten. Das Projekt verdeutlicht, dass Kompetenzentwicklung, verstanden als Zusammenspiel aus Wissen, Können, Haltung und Selbststeuerung, besonders dort gut gelingt, wo Studierende befähigt werden, sich selbst zu verstehen.

    Die Kombination aus Workshop, digitaler Reflexionsarbeit, Peer-Begleitung und Portfolio schafft dafür einen strukturierten Rahmen, der sowohl inhaltlich als auch didaktisch anschlussfähig ist. In diesem Sinne steht fuTUre skillsnicht nur für ein Modul, sondern für ein Bildungsverständnis, das Studierende ernst nimmt, ihre Entwicklung sichtbar macht und sie nachhaltig für wissenschaftliche und berufliche Herausforderungen vorbereitet.

     

    Literaturverzeichnis

    Bosse, Elke; Mergner, Julia; Wallis, Marten (2019): Gelingendes Studieren in der Studieneingangsphase. Ergebnisse und Anregungen für die Praxis aus der Begleitforschung zum Qualitätspakt Lehre im Projekt StuFHe. Hg. v. Leiterin der BMBF-Nachwuchsgruppe StuFHe. Hamburg. Online verfügbar unter www.uni-potsdam.de/fileadmin/projects/zfq/unikolleg/gelingendes_studieren_in_der_studieneingangsphase_stufhe.pdf, zuletzt geprüft am 03.08.2015.

    Bosse, Elke; Trautwein, Caroline (2014): Individuelle und institutionelle Herausforderungen der Studieneingangsphase. In: ZFHE 9 (5), Artikel 3. DOI: 10.3217/zfhe-9-05/03.

    Brutzer, Alexandra; Buck, Pia; Stärk, Manuela (2021): Kompetenzorientierte Begleitung der Studierenden in der Studieneingangsphase. In: Zeitschrift für Hochschulentwicklung 16 (4), S. 267–279. DOI: 10.3217/ZFHE-16-04/15.

    Ehlers, Ulf-Daniel (2020): Future Skills. Lernen der Zukunft - Hochschule der Zukunft. 1. Auflage 2020. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH; Springer VS (Zukunft der Hochschulbildung - Future Higher Education).

    Holti, Markus Arthur (2024): Kompetenz- und Persönlichkeitsbildung. Phänomenologischer Zugang zu einem personenorientierten Kompetenzverständnis. Wiesbaden: Springer Fachmedien.

    Matthews, Kelly E (2016): Students as Partners as the Future of Student Engagement. The University of Queensland. Brisbane.

    Rätz, Karen-Alexandra; Hammer, Julie-Isabell; Kettel, Eva; Peter, Anja; Seiler, Ricarda Viola (2023): fuTUre skills - Selbstreflexion als Methode zur nachhaltigen Kompetenz- und Persönlichkeitsentwicklung. wissenschaftliches Poster. Hg. v. TU Darmstadt. Studienbüro Biologie. Darmstadt. Online verfügbar unter www.bio.tu-darmstadt.de/media/projektname/responsive_design/bilder_3/studium_1/bioport/231006_BIOpOrt_Poster_Konferenz_FINAL.pdf.