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Interdisziplinäre Nachhaltigkeitslehre mit Impact
an der HAW Hamburg

von Prof. Dr. Petra Naujoks

Das Warum muss überzeugen

Unser Planet und die Gesellschaft brauchen neue Lösungen mehr denn je. Als Hochschulen begegnen wir Menschen in einer Phase ihres Lebens, in der sie (noch) sehr offen und leicht zu motivieren sind, wenn man ihnen den nötigen Freiraum gibt. Gleichzeitig sind viele drängenden Probleme unserer Zeit nicht mehr aus einer Disziplin allein heraus zu lösen. Absolventinnen und Absolventen von Hochschulen sind es jedoch in der Regel bisher nicht gewohnt, mit anderen Disziplinen in einen Austausch zu gehen. Unterschiedliche disziplinäre Sprachen, Kulturen und Lösungswege bleiben im hochschulischen Alltag und dem studentischen Erleben weitgehend isoliert voneinander.

Das Was muss sinnstiftend sein

In dem neu konzipierten Wahlmodul „Nachhaltigkeit Interdisziplinär“, mit Start im Wintersemester 24/25 und nun zweitem Durchlauf im Wintersemester 25/26, erarbeiten jeweils 16 Studierende aus unterschiedlichen Studiengängen (Elektrotechnik, Gesundheitswissenschaften, Medizintechnik, Ökotrophologie, Umwelttechnik, Verfahrenstechnik, Wirtschaftsingenieurwese) in interdisziplinären Teams Lösungen für praktische Probleme mit konkretem Nachhaltigkeitsbezug.

Das Wie muss ansprechend sein

Das zu bearbeitende Thema finden die Studierenden dabei selbst. Während verschiedener Inputs zu den Basics von Nachhaltigkeit und Impulsvorträgen von Kolleginnen und Kollegen zu nachhaltigkeitsbezogenen Forschungsergebnissen werden sie aufgefordert, ihr eigenes Lebensumfeld über ein paar Wochen dahingehend zu beobachten, an welchen Stellen Lösungen nicht nachhaltig im Sinne eines gemeinsamen Verständnisses sind.

Während der gesamten Projektbearbeitung werden die Studierenden durch wöchentliche Treffen in der Veranstaltungszeit eng begleitet, um die Hürden einer für sie ungewohnten Zusammenarbeit gut zu bewältigen. Dabei durchlaufen sie die von Markus Schmitt und Benjamin Zinger[1] entwickelten Phasen von einer monodisziplinären, über multidisziplinäre hin zu interdisziplinären Zusammenarbeit, bevor die Lösung abschließend nochmals auf Nachhaltigkeit im Sinne des gemeinsamen Verständnisses überprüft wird. Gleichzeitig steht ihnen ein Expert*innen-Team bestehend aus circa zehn Kolleginnen und Kollegen (ohne Lehrermäßigung) für fachliche Fragen zur Verfügung.

Die Ergebnisse lassen sich sehen

Es ist beeindruckend mitzuerleben, wofür sich die Studierenden interessieren, wenn sie das Thema frei wählen dürfen. So reichten diese im Wintersemester 24/25 von der Frage, wie man Algen in der Hochschullehre verwenden kann (in umwelt-, medizintechnischem, ernährungswissenschaftlichem Kontext und gar in der örtlichen Mensa), wie Maßnahmen zur Erhöhung von Recyclingquoten von Tetra-Paks, wie ein integratives Wohnkonzeptin Hamburg aussehen könnte oder welche Maßnahmen es zur Reduktion der Lärmbelastung am Campus geben könnte. Hervorzuheben ist hierbei, dass alle Teams die Stärken aus ihrer Disziplin einbringen konnten.

In dem aktuell laufenden Semester haben Studierende überwiegend noch konkretere (campusbezogene) Fragestellungen gewählt z.B. darüber, wie der Pendelverkehr zur Hochschule in Zeiten des Schienenersatzverkehrs nachhaltiger gestaltet werden kann, darüber welche Maßnahmen zur Erhöhung des Trinkwasserverbrauchs auf dem Campus am Wasserspender und an den öffentlich zugänglichen Trinkwasserleitungen führen könnten (und damit zum Rückgang des Plastikflaschenverkaufs in der Mensa) bis zu Maßnahmen zur Entgegenwirkung der Folgen der Bodenversiegelung am Campus oder der Erhöhung der Verwertungsquoten von Bio-Abfällen in privaten Haushalten der Freien und Hansestadt Hamburg.

Gänsehautmomente

Ist man so wie ich, bereits viele Jahre in der Lehre, sind viele Lehrsituationen bereits bekannt und mehr oder weniger vorhersehbar. In dieser Modulstruktur ist es alles andere als vorhersehbar und mehr als einmal war ich aufgeregt und bin es immer noch, wenn ich in die Lehrveranstaltung gehe. Es braucht Mut, neue Dinge auszuprobieren. Das Risiko, peinliche Momente zu erzeugen oder nicht zielführende Lehranweisungen zu geben, wird jedoch mit besonderen Situationen, in denen Studierende frei und glücklich wirken, mehr als abgegolten. Nach meiner Erfahrung sind die Teilnehmenden über die Maßen dankbar für alle spielerischen Elemente; sei es, dass sie sich gegenseitig zeichnen müssen, ohne auf das Blatt zu schauen (zum Kennenlernen) oder verborgene Talente aus Kurzbeiträgen heraushören müssen (zum Aufbau von  Wertschätzung und Vertrauen), sei es, dass sie ein vermeintlich wettbewerblich orientiertes Würfelspiel (ohne Worte) spielen sollen, das lediglich dazu da ist, unterschiedliche (implizite) Annahmen und Regelwerke und damit auch (disziplinäre) Kulturen aufzudecken. Die sich anschließenden Auswertungs- und Reflektionsrunden (im Stuhlkreis) lassen die Gruppe in einer fröhlichen und wertschätzenden Atmosphäre zusammenwachsen. Wenn sich einzelne beim Rausgehen für die Veranstaltung und das Spielen bedanken, weiß ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin und dass wir auch akademische (Aus-) Bildung ganzheitlich betrachten dürfen.

Besonders beeindruckend ist auch jeweils die erste Phase der Problembearbeitung, in der sich die Studierenden der eigenen Disziplin bewusst werden sollen und jeweils Leitideen für ihre eigene Disziplin entwickeln sollen. Es ist ein schönes Ergebnis, als Lehrperson wahrzunehmen, dass die Studierenden sehr gut einschätzen können, was die impliziten Annahmen und Paradigmen ihrer eigenen Disziplinen sind – eine wichtige Voraussetzung für das Verständnis anderer Disziplinen.

Als Prüfungsleistung müssen die Studierenden ihre Ergebnisse hochschulöffentlich präsentieren (sowie ihren Gruppenprozess bewerten und Reflektionsfragen zusammen mit dem Bericht abgeben). Nach der letzten Abschlusspräsentation waren die Studierenden nach meiner Wahrnehmung überflutet von Glückshormonen: Sie waren nach eigenen Aussagen überrascht von dem Interesse an ihren Ergebnissen und empfanden es als ganz besonders, dass sie gegenüber den zuhörenden Lehrpersonen oder geladenen Gästen aus dem Arbeitsleben als Expert*innen auf Augenhöhe wahrgenommen wurden. Mehrere Studierende äußerten, sie hätten völlig vergessen, dass sie in einer Prüfungs- (und damit Bewertungs-) Situation waren. Selbst diejenigen, die eine Woche zuvor in der Generalprobe noch ihre chronische Prüfungsangst beklagt haben. Kann es eine schönere Rückmeldung für eine Hochschule geben?

Welche Herausforderungen gibt es noch?

Die Hauptherausforderung ist die kurze Bearbeitungszeit für die eigenständigen Projekte der Studierenden. Es lässt sich kaum ohne Zeitdruck lösen und alle Gruppen hätten gern noch ein weiteres Semester daran gearbeitet, um die identifizierten Probleme nicht nur exemplarisch, sondern tiefgründiger zu lösen. Dazu braucht es mehr CPs für dieses Modul (aktuell 6 CP) und damit das Einverständnis der beteiligten Studiengänge.

Weiterhin ist es herausfordernd, dass bei uns an der Hochschule ein derartiges Studiengangs-übergreifendes Modul noch nicht institutionell verankert ist, was bedeutet, dass sich die anbietende Lehrperson selbst um Anerkennungen in den Studiengängen, Erfassung in den Stundenplänen, Anmeldung und Eintragung von Prüfungsleistungen kümmern muss, was recht zeitaufwendig ist.

Auch das zufallsgesteuerte Anmeldeverhalten aus den verschiedenen Disziplinen kann derzeit nur über eine möglichst hohe Anmeldezahl gelöst werden, damit interdisziplinäre Teams ermöglicht werden. Mit einer schiefen Verteilung der Disziplinen (derzeit überproportional viele aus dem Bereich Wirtschaftsingenieurwesen) muss dann ggf. improvisatorisch umgegangen werden.

Was möchte ich anderen Lehrenden mitgeben?

Das kann ich eigentlich mit einem Satz beantworten: Wir brauchen noch viel mehr Mut für Veränderung – gerade und auch in der Lehre. Unsere Studierenden sitzen zu viel und tun zu wenig. Das können wir uns in der jetzigen (globalen) Situation nicht mehr erlauben.

 


[1] Schmitt, M. et. al. (2023). Interdisziplinäres Arbeiten in BNE-Curricula – skalierbare Prozessmethodik als Gemeinschaftsaufgabe. ZFHE Jg. 18/Nr. 4, S. 93-116.